Das ABS-Dilemma: Allheilmittel oder Abwarten bis Schepper?

Unser Online-Bericht über die Allianz-Studie „Zweiradsicherheit im Überblick“ vom 6. Mai hat ein heftiges Leserecho ausgelöst. Im Mittelpunkt der Kritik stand die These des Allianz Zentrums für Technik (kurz: AZT), wonach zwei Drittel der verunfallten Biker ohne ABS unterwegs gewesen seien. Sauer stieß bei unseren Lesern vor allem die Schlussfolgerung der Studienverfasser auf, wonach (allein) der vermehrte Einsatz von Antiblockiersystemen in Motorrädern die Unfallzahlen nach unten drücken könne.

Erich Schäfer, Inhaber von Kfz und Bike Technik Schäfer in Lennestadt, griff sogar zum Telefonhörer und rief mich persönlich an, um dieser These vehement zu widersprechen. Erst kürzlich habe er einen Kunden betreut, der nach über 100.000 Kilometern Fahrleistung mit seiner BMW bei ihm zum Service aufschlug. Dabei wurde festgestellt, dass dessen ABS seit längerer Zeit schon den Geist aufgegeben haben musste – ohne dass der Fahrer das überhaupt bemerkt hätte. Die allermeisten Biker wüssten zwar, dass sie ABS an Bord hätten, hätten es aber im normalen Alltagsbetrieb noch niemals ausprobiert. Das lerne man, wenn überhaupt, nur in Fahrsicherheitstrainings, so Schäfer. Er fände es zielführender, wenn Versicherungen ihren Bike-Kunden einen Nachlass gewähren würden, wenn sie vorher regelmäßig Fahrsicherheitstraining besuchten. Das würde die Unfallzahlen signifikanter senken, als die Zahl der eingesetzten ABS zu erhöhen.

Jens Vater von Motorrad Vater in Bondorf, schickte folgenden Leserbrief:

„Guten Tag Herr Maderner, ich möchte mich zu einem Bericht in BuB melden der zumindest in meinen Augen, gelinde gesagt, echter Blödsinn ist. Dieser Bericht mit seinen Statistiken mag zwar zeigen, dass überdurchschnittlich viele Bikes noch ohne ABS unterwegs sind. Dies sagt aber erstmal gar nichts darüber aus ob ABS, Abstandswarner oder Traktionskontrollen wirklich die Fahrfehler der Biker ausbügeln! Es klingelt wie Propaganda in meinen Ohren... ohne ABS kann man nicht Motorradfahren! Nein... ohne richtiges Verständnis und Fahrgefühl retten die Helferlein rein gar nichts!

Grundsätzlich ist, wer zu schnell fährt kann überdurchschnittlich risikobehaftet abfliegen! Da ändert weder ABS noch Traktionskontrollen was. Geht das Vorderrad auf einer Kühlwasser- oder Ölspur weg, fällt sowohl der Biker mit einer vollausgestatteten BMW GS auf die Nase als auch derjenige, der mit einer GS 500 E von 1989 unterwegs ist! Da hat das ABS oder andere Helferlein keinen Einfluss drauf .... aber genau so wird es in diesen Berichten hingestellt!

Reicht der Bremsweg nicht, auch weil mir ein Reh zehn Meter vor den Karren rennt, ist es salopp gesagt, völlig schnurz, ob man ABS hat oder nicht. Das ist mir 2017 mit meiner SRAD 750 so gegangen. Also lande ich in der Statistik derer, die ohne ABS im Krankenhaus gelandet sind, ohne dass da näher nachgeforscht wurde, warum ich da gelandet bin.

ABS als Allerheilmittel? Nein, denn wie mir auch diesen Sonntag von meinem ABS wieder einmal eindrucksvoll gezeigt wurde was es alles nicht kann!

Mein Fahrzeug: GSF 1250 SA ABS, Bridgestone T30 EVO drauf. Gabel überarbeitet und hinten ein Federbein eines renommierten Herstellers verbaut. Also alles andere als ein Bike zum Rasen. Kann man auch, aber dies ist ein anderes Thema.

Drei Mal hat das ABS im Schwarzwald auf schlechterem Untergrund ausgelöst, ohne dass es nötig gewesen wäre, und hat mir einen Ausritt in einen Waldweg, Schotterparkplatz und einen Umweg auf die Gegenfahrbahn beschert! Wenn da etwas entgegengekommen wäre oder sich ein Abhang aufgetan hätte, wäre ich drei Mal tot gewesen, weil das ABS auslöste, als ich es nicht erwartet hatte! Und dies war nicht das erste Mal das ich dieses sch.. System verteufelt habe, in den Alpen hat es sich auch schon mehrfach als ungeeignet erwiesen.

Ich bin kein genereller Technikverweigerer, aber Berichte müssen ehrlich und nachvollziehbar geschrieben werden und nicht eine Statistik heranziehen, die zwar nicht absichtlich gefälscht, aber auch nicht detailliert aufgeschlüsselt wird, warum einer Stürze verursacht oder wie auch immer verunfallt und ob das System, das so gehypt wird, überhaupt hätte helfen können!

Fahrschulen sollen ausbilden und nicht Kosten reduzieren, weil mit ABS kein Fahrschüler bei den Bremstrainings stürzt. Fahrer müssen fahren, fahren, fahren um Er-fahr-ung zu bekommen. Brems-, Fahr- und Rennstreckentrainings würden viel mehr helfen als einem verängstigten Fahrer zu sagen, dass mit ABS und ASR nichts passieren kann! Das stimmt nämlich nicht! ABS ersetzt keine Irrationalität, Dumm- oder Unwissenheit.

Wer ABS nicht richtig einsetzt stürzt auch beziehungsweise knallt halbgebremst aufrecht sitzend oder mit regelndem ABS ins stehende Hindernis. Der Spruch, wer bremst verliert, ist nicht ganz falsch und nicht ganz richtig! Bremsen, um Zeit zu gewinnen, um einen Ausweg zu finden, loslassen und rum ums Hindernis... gegebenenfalls abspringen. Das geht aber nur, wenn man trainiert ist, und sich die schlimmsten Situationen vorstellt und durchgeht was wann wie möglich sein könnte. ABS heißt für mich nicht Anti Blockier System, sondern Abwarten bis Schepper!

Ich fahre dauernd unterschiedliche Motorräder, mein Eigen nenne ich zum Beispiel:
• Kawasaki Samurai 1966 mit Duplex Trommelbremse; wurde von meinem Dad in Hockenheim und Nord/Südschleife im Rennen gefahren
• GSF400 Bandit
• RG500 1985
• R-750Srad 1996
• GSF 1250 SA ABS, was ich aber demnächst abschalte
• V650S 1999

Jedes Mal muss ich mich neu einstellen und zurechtfinden. Aber fehlendes ABS war die letzten 25 Jahre nicht der Grund, warum ich zwei Abflüge hatte. Einmal zu schnell in die Kurve und nach außen in den Schotter, einmal ein Reh auf meinem Tank, ja auf dem Tank.
Also bitte, konstruktive und richtige Berichte über Versicherungsstatistiken bringen beziehungsweise diese mal richtig hinterfragen. Danke. Machen Sie weiter so und bleiben sie alle sitzen!“

Vielen Dank an Erich Schäfer und Jens Vater für ihre fundierten Anmerkungen zu einem wichtigen Sicherheitsthema. Wie ist das für Sie? ABS = Anti Blockier System, ein Allheilmittel oder doch Abwarten bis Schepper? Ich freue mich wie immer auf weitere Meinungen und Themenanregungen. Mail an bike@syburger.de.

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